Z e i t g e s c h i c h t e

H o m e

 Wirtschaftlicher Neubeginn in der Bizone nach 1945          zurück
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde der übrig gebliebene Teil Deutschlands in die vier von den alliierten Siegermächten verwalteten Zonen aufgeteilt. Nicht einmal das im Potsdamer Abkommen vereinbarte Minimalziel, Deutschland als eine wirtschaftliche Einheit zu erhalten, konnte erzielt werden. Der stellvertretende Militärgouverneur der Amerikaner, Lucius D. Clay stellte resignierend fest: "Nach einem Jahr Besatzung bilden die Zonen hermetisch abgeschlossene Gebiete mit fast keinerlei freiem Austausch an Gütern, Personen und Ideen. Deutschland besteht heute aus vier kleinen Wirtschaftseinheiten, die miteinander nur auf Vertragsbasis verkehren können."

Jeder der vier ranghöchsten Militärs im Alliierten Kontrollrat handelte nur auf Weisung der jeweiligen Regierung.

Die in Abb.1 gezeigte in Gießen (amerikanische Zone) geschriebene Postkarte wurde in Hannover (britische Zone) abgestempelt, um schließlich den Empfänger in der britischen Zone in Duisburg zu erreichen. Auf welchem Wege die Karte von Gießen nach Hannover gelangte, ist unbekannt, sicher ist dies ein Beleg für "rübergebrachte Post", denn der so genannte Interzonenverkehr zwischen den vier Besatzungszonen wurde erst am 24. Oktober 45 eröffnet.

Neben anderen Zielen der Besetzung sollen uns hier nur zwei Aspekte der Behandlung der deutschen Wirtschaft interessieren, und wie sich deren Verwirklichung im Wirtschaftsleben auswirkte. Die beiden etwas beschönigend klingenden Begriffe Konzernentflechtung und Reparationen standen in der deutschen Industrie als Synonyme für Konzernzerschlagung und Demontagen. Mit dem alliierten Militärgesetz Nr. 52 wurde die Beschlagnahme der wichtigsten deutschen Industriebetriebe verfügt. Diese Maßnahme traf vor allem das Imperium der IG-Farbenindustrie, alle Zechenbetriebe und Hüttenwerke einschließlich der Verbindungsglieder zwischen der Roheisen- und Stahlproduktion und den nachgeschalteten Walzstahlbetrieben. Das erklärte Ziel war die Zerstörung aller industriellen Anlagen, die ausschließlich der Kriegführung gedient hatten, ferner die Liquidierung aller Kartellbeziehungen und die Zerstückelung der großen Konzerne, um unter anderem einen eventuell wieder erstarkenden Konkurrenten auszuschalten. So wurde der IG-Farbenkonzern im April 47 in 19 selbstständige Unternehmen aufgeteilt. Letztlich darf nicht vergessen werden, dass die seinerzeit modernsten Produktionsanlagen, sofern sie noch funktionsfähig waren, begehrte Objekte für Reparationen darstellten.

Zur Anweisung und Kontrolle dieser rigorosen Durchführung saßen in den Betriebsleitungen "Control Officers", wie aus der Abb. 2, dem Text einer Postkarte der Fa. Kalle ersichtlich ist, in der übrigens die Annullierung einer Ersatzteillieferung für einen Rotationskompressor mitgeteilt wird. Auch diese Firma ging nun als eine der vielen eigenständigen Aktiengesellschaften aus dem IG-Farbenkonzern hervor.

 

 

Zur Dokumentation der Konzernauflösung wurden die verschiedensten Handstempel verwendet. Abb. 3 zeigt einen Kastenstempel des Werkes in Knapsack und einen Rundstempel aus Leverkusen.

 

Die Konzernentflechtung muss offensichtlich einen solchen Arbeitsaufwand verursacht haben, dass diese Behörde noch im Juni 1959 werktätig war (Abb. 4). Die Liquidation und Entflechtung im Kohlebergbau und bei den Eisen- und Stahlunternehmen im Rhein-Ruhrgebiet erzeugten weitaus gefährlicheren sozialen und politischen Sprengstoff als alle anderen Maßnahmen der Alliierten. Das Damokles-Schwert "Demontage" schwebte über jedem Betrieb, soweit die Verwüstungen der Kriegsgeschehnisse noch etwas Wiederverwertbares übrig gelassen hatten. Wer die Struktur dieser Region kennt, weiß um die weit verzweigte Vernetzung unzähliger Groß- und Kleinbetriebe fast aller Branchen. Seit jeher fand ein Austausch von Energien, Rohstoffen und Fertigprodukten im ganzen Revier statt. Dies Wissen um das gemeinsame Schicksal einte die gesamte Bevölkerung des Reviers in ihrer Trotz- und Verweigerungshaltung. Wie mag es einem Hüttenwerker zu Mute gewesen sein, selbst bei der Demontage der eigenen Arbeitsstätte mitzuhelfen, nur um vom Lohn dieser Arbeit das Überleben sicherstellen zu können? Auf den Widerspruch zwischen Wiederaufbau und Demontagen hat wiederum Clay mit der Bemerkung hingewiesen, dass man dem amerikanischen Steuerzahler wohl kaum klarmachen könne, warum Amerika kostenlos Kohle und Getreide nach Deutschland schicke, während man den Deutschen die Möglichkeit zur Selbstversorgung durch die Demontagen nehme. Deshalb stellten die Amerikaner als erste alle Demontagen ein.

Seit Juli 45 wurde das Vermögen von 67 Kohlengruben von der britischen North German Coal Control verwaltet. Alle wichtigen Betriebe der Eisen- und Stahlbranche wurden der North German Iron and Steel unterstellt. Nach der Gründung der Bizone Anfang 47 fand eine Neuordnung der Eigentumsverhältnisse bei Kohle und Stahl statt. Das Gesetz Nr. 75 der Militärregierung übertrug die Vermögenswerte der beschlagnahmten und liquidierten Bergwerks- und Hüttenbetriebe auf neu zu gründende Gesellschaften deutschen Rechts. Die von der Militärregierung zur Leitung bestimmten Personen führten die Bezeichnung "Treuhänder". Den Neugründungen wurde die Deutsche Kohlenbergbauleitung vorgesetzt. Als äquivalente Neuorganisation der Eisen- und Stahlindustrie wurde die Stahltreuhändervereinigung ins Leben gerufen. Sie hatte für die Ausgliederung von Werken und Werksgruppen aus dem Altbesitz zu sorgen und war vor allem verantwortlich für die Wiederaufnahme der Produktion. Alle Gesellschaften wurden nach einheitlicher Satzung als Aktiengesellschaften gegründet. Für die Auswahl der Werke war entscheidend, und damit für die Belegschaften beruhigend, dass für diese Werke feststand, nicht demontiert zu werden.

Die Abb. 5 zeigt, dass die Buderus´schen Erzgruben und Hochofenbetriebe in Wetzlar unter dieses Gesetz Nr. 75 fielen. Der Entfaltung wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Betrieben des produzierenden Gewerbes standen restriktive Vorschriften der Alliierten entgegen. Während die Amerikaner schon frühzeitig die Verantwortung für die wirtschaftliche Entwicklung in deutsche Hände legten, handelten die Engländer äußerst bürokratisch bei der Erteilung sowohl von Produktions- als auch Bezugsgenehmigungen für Maschinen und Anlagen. Anträge in 16-facher Ausfertigung sind bekannt. Welche Papierverschwendung in einer Zeit höchster Knappheit! Das Zauberwort und damit der Schlüssel zu jedweder Aktivität war das begehrte "Permit". Ohne eine Permit-Nr. durfte weder bestellt noch geliefert werden.

Abb. 6 zeigt einen solchen Bestellbrief der Mannesmann-Werke in Düsseldorf mit der erforderlichen Permit-Nr. Der Brief ist übrigens ein authentischer Beleg für die katastrophale Papierknappheit. Ein Briefbogen wurde einfach mit Anschrift und Briefmarke versehen, gefaltet, mit einem Klebestreifen verschlossen und auf den Postweg gegeben. Briefumschläge gab es nicht. Zu den Verboten und Beschränkungen machte sich in der Produktion der Materialmangel stark bemerkbar. Kupfer, Messing, Zinn, Chrom und Nickel waren knapp und zählten zu den begehrtesten Kompensationsgütern, um überhaupt beliefert zu werden.

Der Text der Postkarte der Abb. 7 der Vereinigten Stahlwerke in Siegen berichtet von der Lieferung von 125kg Kupfer als Liefervoraussetzung für ein Kühler-Rohrbündel. In der Geschäftskorrespondenz tauchen immer wieder Berichte von Notlagen und Engpässen in der Produktion auf. Welche verhängnisvolle Auswirkung z. B. der Bruch eines funktionswichtigen Maschinenteils auf den gesamten Betriebsablauf hat, ist jedem Techniker sofort einsichtig. Aber die mögliche Hilfe wurde oft durch die schwerfällige Bürokratie verwehrt. Zur Beseitigung von Trümmerresten einer Autobahnbrücke wird dringend der bestellte Kolbenverdichter zum Betrieb der Presslufthämmer benötigt. Verkehrswege wie Bahn-, Wasser- und Straßenverbindungen waren noch nicht wiederhergestellt, außerdem fehlten noch wichtige Brücken. Transporte führten oft über abenteuerliche Umwege.

Zeitgleich mit der Bildung der Bizone wurde als eine der wichtigsten Institutionen die Joint Export-Import Agency, kurz JEIA genannt, als anglo-amerikanische Wirtschaftsbehörde gegründet. Sie war zuständig und verantwortlich für alle auf Dollarbasis abgerechneten Exporte und Importe und unterstand direkt den beiden Militärgouverneuren. Dieser Handelsweg war die einzige Möglichkeit, die begehrten Rohstoffe zur Ankurbelung der deutschen Industrieproduktion im Austausch gegen Kohle, Koks, Eisen, Stahl und Strom zu beziehen. Der Geschäftsverkehr zwischen den deutschen Verwaltungen und der alliierten Kontrollbehörde vollzog sich in den Formen eines gewaltigen Papierkriegs in 15-facher Ausfertigung. Die Verwendung einer Luftpost-Zulassungsmarke, die ebenfalls entwertet wurde, war bis Oktober 48 verbindlich. Abb. 8 zeigt einen Inland-Luftpostbrief von Hamburg nach West-Berlin.

Im "Revidierten Industrieplan" für die Bizone von August 47, wurde eine Lockerung der Restriktionen des generellen Industrieniveaus verfügt. Der wirtschaftspolitische Sinn wurde klar bei der Betrachtung der erheblichen Exportverpflichtungen, um wenigstens einen Teil der lebensnotwendigen Nahrungsmittelimporte bezahlen zu können. Deshalb wurde von General Robertson, dem Oberbefehlshaber der britischen Zone, die Veranstaltung der ersten Exportmesse im Westen, im kriegszerstörten Hannover, förmlich angeordnet mit den Worten: "Vom 18. August bis 9. September hat eine Exportmesse stattzufinden". Im militärischen Verfügungston hieß es weiter: "Diese Ausstellung muss ein Erfolg werden". Diese Messe war als Manifestation des Aufbruchs gedacht. 1300 deutsche Firmen versammelten sich in Laatzen. Dort standen leer stehende, intakte Hallen der Vereinigten Leichtmetallwerke, und außerdem gab es genügend Freigelände. Das Wahrzeichen dieser Messe ist bis heute der stilisierte Kopf des Hermes, dem griechischen Gott des Handels und Gewerbes. Abb. 9 zeigt einen Brief der 2. Messe 1948 mit dem Sonderstempel.

 

 

 

Literaturhinweise:

Die zeitgeschichtlich interessanten Informationen wurden folgenden Publikationen entnommen:

  • M. Overesch: Das besetzte Deutschland 1945-47. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur. Weltbild Verlag.
  • W. Benz: Von der Besatzungsherrschaft zur Bundesrepublik. Stationen einer Staatsgründung. Fischer Taschenbuch Verlag.
  • K. Wagemann: Die Stunde Null - 40 Jahre danach. Zerstörung, Demontage, Wiederaufstieg und Zukunft der Wirtschaft am Beispiel der Region Duisburg. Mercator-Verlag
  • und nicht zuletzt den Gesprächen und Diskussionen mit einem Zeitzeugen, meinem Sammlerfreund und philatelistischen Mentor Hermann Michael aus Duisburg.