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 Horst Berkowitz, ein deutsches Schicksal                      zurück
Gerhard Simon

Eine Postkarte aus Theresienstdt, geschrieben am 14. Mai 1943 von Ester Berkowitz an ihren Sohn Dr. Horst Berkowitz, versehen mit dem Handstempel "Rückantwort nur über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158" zeigt zwei Besonderheiten:

  • Ester Berkowitz schrieb an die Privatanschrift ihres Sohnes
  • der optimistische Text ist mit Schreibmaschine geschrieben, möglicherweise nicht von ihr selbst, da sie schon schwer erkrankt war

Da Dr. Horst Berkowitz ein bekannter Philatelist und Münzensammler war, lohnt es sich - insbesondere für Philatelisten - Hintergrundinformationen zusammenzutragen.

Horst Berkowitz wurde am 16. Januar 1898 in Königsberg als Sohn eines erfolgreichen Unternehmers geboren. Die Mutter stammte aus dem Baltikum. Er hatte drei Geschwister, der auf der Karte erwähnte Gerhard war sein jüngerer Bruder, der längst nach Riga verschleppt war und vor Kriegsende umgebracht wurde.

Im Jahre 1902 war die Familie nach Hannover umgesiedelt, da sich dem Vater dort bessere Geschäftsbedingungen boten. Horst Berkowitz besuchte die Leipnizschule in Hannover und war dort Klassenprimus- und -sprecher, war sportlich und damals schon Briefmarken- und Münzensammler. Schon im Alter von 16 Jahren machte er sein Abitur.


 


 

Abiturient 1914

Soldat 1914

Als im August 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich Horst Berkowitz freiwillig, bekam von seinen Eltern jedoch nur die Erlaubnis, beim Train, zuständig für Transport und Nachschub, einzutreten, doch er wechselte unverzüglich zum Infanterieregiment 74. Horst Berkowitz war der jüngste deutsche Soldat im ersten Weltkrieg. Das Regiment kam 1915 nach einem Russlandeinsatz nach Belgien.

Dort entging Horst Berkowitz am 16. November 1915 durch einen Granateneinschlag knapp dem Tode. Ein Feldarzt, der frisches Blut an seiner Kopfwunde entdeckt hatte, zog ihn aus einem Haufen Toter. Mehr als 30 Operationen befreiten ihn von den Granatsplittern. In einer Spezialklinik in Hannover konnte ein Auge gerettet werden, auch das Gehör kam zurück.

Bereits Mitte Juni 1916 begann er sein Studium in Göttingen, das er im Februar 1919 mit dem Doktorexamen magna cum laude abschloss. Im Alter von 24 Jahren hatte er alle Staatsexamen abgeschlossen und trat einer Anwaltspraxis bei.

Außergewöhnlich entwickelte sich das Leben von Horst Berkowitz in der NS-Zeit. Schon vor der Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 war er aus der Anwaltskanzlei, in der er 11 Jahre lang erfolgreich tätig war, geflogen. Hatte sich mehrfach beruflich mit wirtschaftlichen Einbußen verändern müssen und wurde am 9.11.1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht.

Letztendlich verdankte er seinem Goldenen Verwundetenabzeichen die Entlassung aus Buchenwald im Dezember 1938.

Im 3.Reich war es Juden untersagt, sich von deutschen Anwälten vertreten zu lassen. Hierfür waren sog. Judenkonsulenten zuständig, die von den Oberlandesgerichten berufen wurden. Schon im Dezember 1938 bestellte das Oberlandesgericht Celle Horst Berkowitz als Judenkonsulent, zugelassen auch beim Reichsgericht in Leipzig. Er hieß jetzt Horst Israel Berkowitz mit der Judenkenn-Nummer A02755 und hatte sein Beratungsbüro in einer alten Synagoge. Die Vergütung für seine Tätigkeiten floss bis auf 300 Reichsmark monatlich an die Reichsanwaltskammer.

Ab Dezember 1940 wurde Horst Berkowitz im Konzentrationslager Ahlem bei Hannover, einer ehemaligen jüdischen Gartenschule und Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme arbeitsverpflichtet. Im Ahlem führte Horst Berkowitz auch sein Büro als Judenkonsulent, wohnen durfte er weiterhin in seinem Hause. Von dort fuhr er täglich mit dem Fahrrad ins KZ.

Im Sommer 1941 wurde seine Mutter in das sog. Judenhaus in Hannover, das Israelische Krankenhaus, eingewiesen. Von dort kam sie nach Theresienstadt. Ihr letztes Lebenszeichen stammt aus dem November 1943.


 



 

Ganz links: Die Mutter

Links: Letztes Lebenszeichen der Mutter

Als Schwerkriegsbe-schädigter durfte er mit einem 3.-Klasse-Fahrausweis die 2. Wagenklasse benutzen.

Die Erlaubnis der Geheimen Staatspolizei, Straßenbahnen und Omnibusse im Bereich des Stadtgebiets von Hannover vom 1. Mai 1944 bis 30. April 1945 zu benutzen, brauchte Horst Berkowitz nur bis zum 10. April 1945. An diesem Tage kamen die Amerikaner.

Horst Berkowitz wurde die Position des Oberlandesgerichtspräsidenten angeboten, aber er lehnte ab. Er wollte nicht als Jude jetzt eine bevorzugte Stellung einnehmen. Innerhalb der jüdischen Gemeinde Hannovers war Horst Berkowitz umstritten. Man warf ihm als ehemaligem Judenkonsulenten Zusammenarbeit mit der Gestapo vor. Außerdem wehrte er überzogene jüdische Wiedergutmachungsansprüche vor Gericht ab.

Er durfte zeitweilig Unbedenklichkeitsbescheinigungen zugunsten unbelasteter ehemaliger Nationalsozialisten ausstellen. Er hatte sich nie mit Emigrationsgedanken getragen, er fühlte sich als Deutscher in seiner Heimatstadt Hannover.

Große Bedeutung hatte Horst Berkowitz als Briefmarken- und Münzsammler. Schon im Alter von 6 Jahren begann die Sammelleidenschaft. In seiner Göttinger Zeit konnte er seine Sammlungen ausbauen. Dabei kam ihm zugute, dass ein Onkel anfangs in Russland, später in Litauen, wohnte und ihn mit Neuausgaben, häufig auf bedarfgerechten Luftpostbriefen, versorgen konnte, die heute zu philatelistischen Raritäten zählen. Auch Fehldrucke und andere Besonderheiten gingen ihm so zu.

Nach der Reichskristallnacht war für Horst Berkowitz die Aufbewahrung von Sammlungen in seinem Hause zu riskant. Er übergab die damals 20-bändige Briefmarkensammlung heimlich einem Notar, die Brief- und Stempelsammlung einem Bekannten zur Aufbewahrung, der sie jedoch verkaufte, da er nicht mit dem Überleben von Horst Berkowitz gerechnet hatte.

Die Münzsammlung war allerdings im Zuge der Reichskristallnacht beschlagnahmt worden. Nachdem Horst Berkowitz als Judenkonsulent bestellt worden war, musste die SS die Sammlung wieder herausrücken. Nur fünf wertvollste Stücke fehlten. Als später Juden alle Edelmetalle abliefern mussten, schaffte es Horst Berkowitz nach einer Begutachtung der Sammlung durch einen Direktor der Reichsbank, dass seine Sammlung als Kulturgut zwar beschlagnahmt wurde, in seinem Besitz aber verbleiben durfte, jedoch mit der Auflage, nicht darüber zu verfügen. Doch im Jahre 1940 wurde die Münzsammlung in das hannoversche Kestnermuseum geholt. Bei dem großen Bombenangriff im Oktober 1943 wurde das Museum teilweise zerstört. Die Münzschränke waren nur leicht beschädigt, die Inhalte blieben verschont. Horst Berkowitz erhielt seine Münzsammlung zurück mit der Auflage, die wertvollsten Stücke an einem von der SS ausgewählten Platz in seinem Keller zu verwahren. So wurde die Sammlung bis zum Kriegsende gerettet. Aber jetzt waren es die Engländer, die Beschlagnahmen von Goldmünzen durchführten. Ein Gesuch an den englischen König mit der Schilderung der Versuche der SS, den Münzschatz für sich zu gewinnen, hatte Erfolg. Horst Berkowitz blieb Eigentümer seiner ca. 40 000 Münzen. Im Jahre 1975 wurde die Sammlung Münzkabinett der Stadt Hannover durch einen Kauf- und Schenkungsvertrag.

Horst Berkowitz am Ende der 70er-Jahre

Die Briefmarkensammlung war inzwischen auf über 600 Alben angewachsen und galt als vollständigste in Deutschland. Sie wurde ständig von drei Angestellten gepflegt. Seine Einkünfte aus der Juristerei wanderten in seine Sammlungen. Er verfügte, dass seine Briefmarkensammlung nach seinem Tode dem Staat Israel zukommen soll. Er starb am 13. Februar 1983 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bothfeld begraben. Der Auktionator Hans Grobe, mit dem Horst Berkowitz gut befreundet war, führte im Auftrag Israels den Verkauf durch.

Mehrfache Ehrungen wurden Horst Berkowitz zuteil:

  • Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (14. Dezember 1960)
  • Niedersächsischer Verdienstorden (1963)
  • Stadtplakette von Hannover (1976)
  • Ehrenmitglied des Deutschen Anwaltvereins (1979)

Quelle:
Ulrich Beer, Dr. Horst Berkowitz, ein jüdisches Anwaltsleben