Die Geschichte der Reichskleinodien

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Teil 1                                                                                         zurück
Von Dieter Heinrich

Erstveröffentlichung in DIE BRIEFMARKE (Wien) Nr. 1 und 2/2008

Das war sogar den Fernsehnachrichten eine Meldung wert: das Wort "Kleinod" führt - vor "blümerant" und "Dreikäsehoch" - die Liste 2007 der vom Aussterben bedrohten Wörter an. Anlaß genug, sich wieder einmal jener Kleinodien zu erinnern, die in der Weltlichen Schatzkammer der Wiener Hofburg vom Glanz eines vergangenen Reiches zeugen. Die unter dem Namen "Reichskleinodien" zusammengefaßten Insignien, Ornat und Reliquien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation sind als einziger Kronschatz des Abendlandes nahezu vollständig erhalten geblieben. Mit dieser Abhandlung soll versucht werden, ihren mehr als tausendjährigen Weg einmal mit philatelistischen Mitteln nachzuzeichnen.

Dem historisch interessierten Philatelisten fällt beim Begriff "Reichskleinodien" sicher zuerst die prachtvolle Serie ein, auf der die Post von Liechtenstein - einst als reichsunmittelbares Fürstentum selbst Gliedstaat des Heiligen Römischen Reiches - in den Jahren 1975 bis 1977 einige der bedeutendsten und wertvollsten Stücke dieses Schatzes im Markenbild vorstellte. Darunter befinden sich auch die beiden ältesten, um die Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert vermutlich in Aachen entstandenen Reichsinsignien, das Reichsevangeliar und die Stephansbursa.

Alles begann mit Carolus Magnus

Das wohl für Karl den Großen angefertigte Reichsevangeliar besteht aus 236 mit Purpur eingefärbten, in Gold und Silber beschriebenen Pergamentblättern. Auf dieses Evangeliar legte der König seinen Krönungseid ab.

Die Stephansbursa stand bei den Krönungen stets auf dem Altar. Dieses mit Perlen und Edelsteinen geschmückte Behältnis in Form einer Pilgertasche soll ursprünglich Erde enthalten haben, die mit dem Blute des ersten Märtyrers Stephan getränkt war. Stephansbursa und Reichsevangeliar gehörten zu den "Aachener Insignien", die bis 1794 im Münster zu Aachen aufbewahrt wurden.

Wichtigstes Herrschaftssymbol der deutschen Könige war über Jahrhunderte die Heilige Lanze.

Diese Flügellanze aus karolingischer Zeit weist eine später mit Silber- und Goldblech verkleidete Bruchstelle auf, in die ein ornamental geschmiedeter Eisenstift eingelegt wurde - der Legende nach ein Nagel vom Kreuz Christi. Dieser Reliquie wegen galt die dem Heiligen Mauritius zugeschriebene Lanze als unbesiegbare Waffe. Seit 921/22 war sie Besitz des Burgunderkönigs Rudolf.

Von diesem erwarb sie König Heinrich I. (hier in einer unhistorischen Darstellung auf einer Privatganzsache zur 1000-Jahr-Feier des Rheinlandes 1925) im Jahre 926 oder 935 auf einem Reichstag in Worms. Sein Sohn und Nachfolger Otto I. zog im August 955 mit der Heiligen Lanze in die Schlacht auf dem Lechfeld und schrieb ihr seinen Sieg über die Ungarn zu.


Die Kaiserkrönung in Rom

Nicht zuletzt dieser Sieg stärkte Ottos Ansehen so, daß er 962 als erster deutscher König in Rom zum Kaiser gekrönt wurde. Vermutlich zu dieser Krönung - manche Historiker gehen auch von einem späteren Datum aus - wurde die Reichskrone angefertigt, mit der fortan sowohl Königs- als auch Kaiserkrönungen vorgenommen wurden. Vieles spricht dafür, daß diese einzigartige Plattenkrone in einem Kloster auf der Bodenseeinsel Reichenau geschaffen wurde. Vier der acht halbrunden Platten zeigen in Goldschmelzarbeit biblische Szenen mit Zitaten aus der Heiligen Schrift, die die Eigenschaften eines guten Herrschers betonen und auch in der Krönungsliturgie vorgetragen wurden. Die anderen vier Platten sind mit Perlen und Edelsteinen in verschlungener Symbolik geschmückt. Darstellungen der Reichskrone finden sich mehrfach im Marken- und Stempelbild.

Aus der Regierungszeit Ottos II. (973 - 983) ist die erste Nachricht über den Aufbewahrungsort der Reichskleinodien überliefert. Das waren damals die Pfalz Tilleda und die benachbarte Reichsburg Kyffhausen, auf deren Ruinen sich heute das Kyffhäuserdenkmal erhebt. Abbildung 10 und 11

Der 995 zur Regierung gelangte Otto III. führte schon auf einem ersten Italienzug 996 die von ihm verehrte Heilige Lanze mit sich. Er ließ davon als Freundschaftsgeschenke für die Herrscher Ungarns und Polens zwei genaue Kopien anfertigen, in die kleinste Partikel des Originals eingearbeitet wurden. Während die dem Ungarnkönig Stephan übereignete Replik verschollen ist, wird die dem Polenherzog Boleslaw dem Tapferen bei einem Besuch in Gnesen im Jahre 1000 von Otto III. persönlich übergebene Nachbildung noch heute in der Schatzkammer des Krakauer Doms auf dem Wawel aufbewahrt. Zur Jahrtausendfeier des Gnesener Treffens (das bereits 1938 Motiv einer Sondermarke war) bildete die polnische Post 2000 die Heilige Lanze im Sonderstempel sowie als Zudruck auf FDC und Ganzsache ab.


"Beschlagnahme" durch den Bayernherzog Heinrich

Welche Bedeutung der Besitz der Reichsinsignien auch für den "Wahlkampf" bei der Neubesetzung des Königsamtes hatte, wurde nach dem frühen Tode Ottos III. deutlich. Der Bayernherzog Heinrich - ein naher Verwandter des Kaisers - hielt 1002 den aus Italien kommenden Trauerzug bei der Durchquerung seines Gebietes auf und brachte die mitgeführten Insignien in seinen Besitz, um damit seinen Anspruch auf die Nachfolge Nachdruck zu verleihen. Als Kaiser Heinrich II. gab er später die Anfertigung eines Reliquienkreuzes zur Aufbewahrung der Heiligen Lanze in Auftrag.

Vollendet wurde das aus einem von Goldblech umhüllten, reich mit Perlen und Edelsteinen geschmückten Eichenholzkern bestehende Reichskreuz in der Regierungszeit Konrads II. (1024 - 1039). Das geht aus einer Inschrift auf den Seitenwänden des Kreuzes hervor. Eine andere Inschrift weist darauf hin, daß unter Konrad II. die ursprünglich offene Reichskrone mit dem gewölbten Bügel versehen wurde. Auch sein Sohn Heinrich III. (1039 - 1056) fügte den Reichskleinodien ein neues Stück hinzu. Es handelt sich um das Reichsschwert.

Dessen Scheide ist mit 14 Goldblechplatten verkleidet, die Bilder der Herrscher von Karl dem Großen bis Heinrich III. zeigen. Reichskreuz und Reichsschwert wurden bei Krönungen dem Herrscher voran getragen. Aufbewahrt wurden die Reichskleinodien unter den Saliern wohl ursprünglich in deren Hauskloster Limburg.

Heinrich IV. ließ sie 1065 in den eben fertig gestellten Dom zu Speyer bringen, führte aber in seinem von der Auseinandersetzung zwischen Kaiser- und Papsttum geprägten Heereszügen oft auch Krone, Kreuz und Lanze mit sich. 1073, als der junge König fliehen mußte, wurde der Reichsschatz zeitweilig in der Goslarer Pfalz

und auf der Harzburg verwahrt. Auf der Reichsversammlung von Ingelheim 1106 mußte Heinrich die zuvor auf Burg Hammerstein bei Andernach gelagerten Insignien seinem Sohn, dem nachmaligen Kaiser Heinrich V., ausliefern. Dieser beauftragte 1125 auf dem Sterbebett seinen Reichsverweser Friedrich von Schwaben, den Reichsschatz auf den Trifels zu verbringen.


Trifels als "Fort Knox" der Deutschen

Auf dieser gut befestigten Reichsburg bei Annweiler in der Pfalz sollten die Reichskleinodien mit Unterbrechungen 173 Jahre verbleiben. In dieser Zeit entstand das Sprichwort "Wer den Trifels hat, hat das Reich", wobei die Insignien als Inbegriff der Herrschaft selbst als "daz rîch" bezeichnet wurden. Kaiser Lothar III. führte die Reichskrone auf seinem letzten Italienzuge mit sich. Als ihn auf dem Rückweg in Breitenwang in Tirol der Tod ereilte (der

Sonderstempel zeigt sein Sterbehaus), übergab er das Juwel seinem Schwiegersohn, dem Bayernherzog Heinrich dem Stolzen. Doch die Fürsten folgten dieser Quasi-Designation nicht und wählten den Staufer Konrad III., und Heinrich der Stolze mußte dem neuen König dat rîke (wie es in einer Chronik heißt) ausliefern.

Von dessen Nachfolger Friedrich Barbarossa berichtet Merians Beschreibung der Stadt Hagenau im Elsass,

daß der König allhier Anno 1153 mit rothem Marmorstein einen Palast erbauet hat, in welchem er des Reichs Kleinodien verwahret. Wie lange der Reichsschatz in der Hagenauer Pfalz blieb, ist nicht genau bekannt. Wohl aber wissen wir, daß Kaiser Heinrich VI.

nach seiner Hochzeit mit der Erbin des sizilianischen Normannenreiches 1195 einen Großteil des normannischen Staatsschatzes auf 150 Lasttieren auf den Trifels schickte. Bereits bei seiner Kaiserkrönung im Jahre 1191 hatte Heinrich VI. von Papst Cölestin III. den Reichsapfel als Geschenk erhalten.

Die vergoldete Harzkugel symbolisiert als Herrschaftszeichen den vom Kreuz gekrönten Erdball.

Die Gegenkönige

Als nach dem Tod Heinrichs VI. der Staufer Philipp von Schwaben und der Welfe Otto IV. zu Königen gewählt wurden, spielte der Besitz der Reichsinsignien im Kampf der Gegenkönige um ihre Anerkennung eine wichtige Rolle. Walther von der Vogelweide, zunächst Parteigänger Philipps, dichtete 1197

Die Kron ist älter als des König Philipp Haupt,
mich wundert nicht, daß mancher an ein Wunder glaubt,
wie ihr der Schmied ein solches Maß gegeben.
Sie paßt sich so genau dem Kaiserhaupte an,
als sie ein gut gesinnter Mann nicht trennen kann,
der eine muß den Glanz des andern heben.
Da lachen sie einander an,
die edlen Steine und der junge Mann
zur Augenfreude all der Fürstlichkeiten.
Wer jetzt noch in die Irre geht
Schau, wie der Waise über diesem Haupte steht,
der Stern wird alle guten Fürsten leiten.

Mit dem "Waisen" meinte Walther den später in Verlust geratenen edelsten Stein der Reichskrone, den berühmten Leitstein (offenbar ein Opal, an dessen Stelle heute ein Smaragd sitzt). Nach dem Tode Philipps 1208 wurden die von seiner Witwe dem Bischof von Speyer übergebenen Reichskleinodien auf den Trifels verbracht, dann aber an den nun allgemein anerkannten König Otto IV. ausgehändigt. Dieser verwahrte sie für das folgende Jahrzehnt auf der Harzburg. Das Reichsschwert ließ er mit einem neuen Knauf und einer neuen Parierstange versehen, die den Reichsadler und Ottos Wappen zeigt.

Wie von Otto IV. testamentarisch bestimmt, wurden die Reichsinsignien auf einem Reichstag in der Goslarer Pfalz 1219 an König Friedrich II. übergeben. Bei der Kaiserkrönung im folgenden Jahr trug Friedrich den rotseidenen Krönungsmantel

mit der prachtvollen goldenen Stickerei, zwei Löwen darstellend, die Kamele schlagen. Dieser fast dreieinhalb Meter breite Mantel wurde im Jahr 528 der Hedschra (1133/34) in Palermo für den Normannenkönig Roger II. hergestellt und gehört seit 1220 zusammen mit Friedrichs übrigen Krönungsgewändern zum Reichsschatz, der nach der Rücksendung aus Italien zunächst in der schwäbischen Burg Waldburg, danach in der Burg Krautheim an der Jagst aufbewahrt wurde. 1246 trafen die Reichskleinodien wieder auf dem Trifels ein. Aus diesem Jahr stammt auch das erste Inventarverzeichnis.

Erstveröffentlichung in DIE BRIEFMARKE (Wien) Nr. 1 und 2/2008